Wir verleihen Flügel
Segelfliegerclub Schwäbisch Hall e.V.

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Mittwoch, den 22. Juni 2011 um 08:31 Uhr

Tag 4 - Hammerwetter und Sunset-Fliegen

Sunset-FliegenDa der längste Tag des Jahres vor der Tür steht und zudem noch Hammerwetter vorhergesagt ist, geht es schon früh los:
Um 8 Uhr, in Buchstaben: "ACHT UHR" wird, nein, nicht mit Frühstück BEGONNEN (was ja sowieso schon unmenschlich früh wäre), sondern nein, es wird bereits die Halle ausgeräumt.
Nix für mich.

Dann den ganzen Tag fliegen.
So gut wie keine Unterbrechung.
Keine Pause.
Keine Erholung.

Mir wird noch eine Überlandeinweisung versprochen.
Plane Leibertingen-Klippeneck-Reiselfingen-Leibertingen.
Natürlich in der von mir gewohnten Perfektion.

Während die Piloten noch auf Thermik hoffen und der parallel zu unserem Lager organisierte "Eigenstarter Wettbewerb" von Leibertingen in Startaufstellung geht, purzelt einer nach dem anderen durch die Platzrunde.

Der Blick nach oben zeigt schöne Cu, der Blick zum Windsack allerdings auch ca. 20 - 30 km/h aus West bis Süd/West.

Nachdem der Leibertinger Duo XL mit dem Lokal-Crack Pepe zum dritten Mal aus der Winde absäuft und zum Rockefeller-F-Schlepp greift, kapieren dann auch die ersten von uns, dass der Tag wohl nicht das hält, was PCmet verspricht (400 - 600 km).

Irgendwann kommt dann aber doch noch die Thermik in Wallung und die ersten längeren Flüge werden absolviert.

Dann kommt meine Stunde.
Überlandweinweisung.
In typischer Felitsche-Manier rede ich morgens noch von "ich finde immer Thermik", kurz vor dem Start wird dann aber alles in Frage gestellt ("geht da überhaupt noch was? Macht das überhaupt noch Sinn? Wo ist eigentlich derjenige, der mir den Puderzucker in den Hintern bläst?")
Nach unmenschlicher Überzeugungsarbeit von meinem Fluglehrer bequeme ich mich dann doch in das Flugzeug und starte.
Lasse 3 m-Vario-Ausschläge links liegen, Kreise mich gen Erdboden und frage dann in 200 m GND bei einem Flug durch 1 m "Saufen": "willst du mal probieren".
Seine Reaktion darauf ruft bei mir nur Unverständnis hervor und wir beginnen eine typische Felitsche-Fluglehrer Diskussion.
Der Erdboden kommt näher.
Nun kommt der Fluglehrer auch noch auf die Idee eine "Aussenlandeübung" zu machen. Faselt irgendwas von "Aussenlandefeld quer zum Platz" auf das ich landen soll.
Keine Ahnung was er meint.
Bin ja nur beim Briefing am ersten Tag deutlich mit Tafelbild auf diese Landewiese hingewiesen worden, bin am zweiten Tag, bei meinem hervorragenden Windenseilriss-Vortrag selbst erklärenderweise davorgestanden, und über alle Lagertage mindestens 23452435mal mit dem Lepo an der Wiese vorbeigefahren.
Weis aber nun mal nicht, was der Depp da hinten drin nun wieder meint.
Diese Gegebenheit untermale ich auch durch lautstarke Hinweise "NEEEEINNNNN, KLAUSSSS, ICH WEISS NICHT WO ICH LANDEN SOLL, BITTE NIIIIICHT, ICH WILLLL NIIIIICHTTTTT". Leider bin ich dabei so verkrampft am Knüpel, dass ich den Funkknopf drücke und halb Süddeutschland auf der 129,975 davon in Kenntnis setze.
Sozusagen der RuningGag des Tages.

Der zweite Versuch, nachdem wir den Twin aus dem Acker klauben wird dann auch noch unverhoffter Weise zur Seilrissübung.
Nach dem Motto unverhofft kommt oft wenn man es nicht erwartet ("wollte ja Überlandeinweisung fliegen, und keine Seilrissübung") reagiere ich erst mal in allen Punkten gar nicht oder falsch. In allen.
Darauf bin ich beleidigt.
Richtig beleidigt.
Szene aus "Findet Nemo":
Marvin ist sauer.
Dori: "heeee, du kleiner süsser Schmollmund".
Auch ich bin sehr süss mit meinem Schmollmund.
Und endlich weiss ich, warum ich auch "Fisch" genannt werde...

Ok, erzähle schon wieder zu viel über mich, und zu wenig über andere.
Hab' ich euch eigentlich schon von unserem Volkmar erzählt?
Volkmar ist ebenfalls ein Urgestein.
Und, er fährt ungern mit dem Auto von Hall nach Leibertingen.
Fliegt lieber mit dem Rattel (unserer Motorsegler-Waffe, der Lima Hotel, kurz LH).
Da aber am Anreisetag für's Fliegen zu schlechtes Wetter war, und sich Volkmar nach mehrfachen Telefonaten mit jedem Bundesbürger südlich der Nordsee-Küste über die vor Ort vorherrschenden Wetterbedingungen informiert hat, musste auch er sich eingestehen: es macht keinen Sinn.
Am Folgetag (Sonntag) dann wieder die gleiche Aktion: ich informiere mich telefonisch über das vorhandene Wetter auf meiner Flugroute.
Na ja, immerhin ist er inzwischen 1a+ Kunde bei jeder Telefongesellschaft dieser Welt.

Aber auch Volkmar ist inzwischen integraler Bestandteil unserer Gruppe und hat an einem Hammertag wie diesem den einzig noch freien Flieger aufgebaut:
unser kleinen Twin Astir. Philosophie der Firma Grob Segelflugzeugbau war ja, derart hässliche Flugzeuge zu bauen, dass sie von der Erde abgestoßen werden.

Hammerwetter und Hammertag waren ein viel verwendete Begriffe an diesem Tag.
Hab' ich schon erwähnt, dass viele an diesem Tag nicht aus der Platzrunde kamen?

Ach ja, dazu gibt es noch eine nette Person, die ich euch vorstellen will:
"der Holländer".
Kennzeichen: PH-irgendwas.
Gehört zu den Leibertingern. Eigentlich nicht wirklich. Ist nur akzeptierter Gast. Jedes Jahr wenn wir da sind. Ist wohl so was wie eine Schicksalsgemeinschaft.
Auf jeden Fall bringt der Holländer solche Schoten:
Erklärtes Gesetz in Leibertingen ist: wenn 28 gestartet wird, kann man entweder (a) den Flieger früh morgens, VOR DEM ERSTEN START, den Flieger auf der Piste zum Startpunkt ziehen, oder (b) den Hänger über öffentliche Straße zum Startpunkt ziehen und dort aufbauen, ohne den laufenden Flugbetrieb zu stören.
Ok, was macht der Hölländer. Zieht seinen Flieger (LS 4) um 13 Uhr Lokalzeit mitten auf dem Seilrückholweg in materialschonender Geschwindigkeit zum Startpunkt. Der Lepo licht- und AllesWasErAnHupenHat-hupenderweise und mit Windenseilen am Haken hinter ihm.
Aber was juckt einen richtigen Holländer, wenn er mal unterwegs ist!? Schließlich sind das ja die Erfinder der "wir fahren mit Wohnanhängern auf der Autobahn und senken die Durchschnittsgeschwindigkeit auf 53 km/h".
Falls es euch, ihr lieben schadenfrohen Leser, befriedigt: nach dem ersten Rockefeller-F-Schlepp ("nur Deutsche können sich das nicht leisten") ist er abgesoffen. Der zweite dauerte exakt so lange, dass er um 15 Uhr wieder vor seinem Hänger stand, zum Abbau...

Also, aus dem Hammertag mit Hammerwetter wurde ein "früh anfang, fliegen bis Sunrise"-Tag mit 49 Starts alleine von uns.
Plus erster Alleinflug eines Leibertingers.
Plus edlen Bildern vom SR.
Plus einer Gruppe, denen der Tag in den Knochen steckte

Der mittaglich aufflammende Lagerkoller ("der hat, der hat nicht, der will, ich will aber nicht...") wurde Abends am Alleinflieger abreagiert, und die letzten Diskussionen drehten sich dann wieder um die tagsüber erfolgten Seilrisse. Sowie deren Behebung:
Während die eine Fraktion ihre Vorgehensweise verteidigte (Kunstoff-Seil aus dem Getreide ziehen, dabei einen Knäul bilden, Knäul auf die Piste tragen, Knäul innerhalb 30 Minuten wieder zu einem Seil entwirren, ...) gab es die für Flieger typische Gegenreaktion der zweiten Gruppe ("ihr Arschlö....! Seilende an den Lepo anhängen, rausziehen, spleissen, fertig").
In geselligem Miteinander lösten sich diese Diskussionen wie üblich unter Flüssigkeitszufuhr in, für den Zuhörer unverständliches, Gemurmel auf und damit enden auch meine Erzählungen für diesen Tag.


Euer
Felitsche.