Wir verleihen Flügel
Segelfliegerclub Schwäbisch Hall e.V.

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Donnerstag, den 23. Juni 2011 um 07:59 Uhr

Tag 5 - Gewitterfront und Theorie

TheorieHallo ihr virtuellen Erlebnis-Junkies.
Neuer Tag und neues Glück.
Wobei vor dem Tag ja bekannter weise die Nacht kommt.
Habe ich euch schon von meinen Nächten mit der schnellsten Pilotin Deutschlands erzählt?

Ihr seht schon, ein Fluglager lebt von Wiederholungen.
Einem strikt durchgeplanten Tagesablauf.
Und Ritualen.
Zu den Ritualen dann später mehr.

Der Tag beginnt wie immer:
Frühstück.
Wundere mich nur, wo die ganzen Leute sind.
Wenn ich mich dann mal aus dem Bett bequeme und an den gedeckten Tisch setze, ist die noch vorhandene Gesellschaft meistens dünn gesät.
Macht nix, hab' ich wenigstens meine Ruhe.
Vielleicht liegt es heute auch daran, dass ein Frontdurchgang für Mittags vorhergesagt ist. Da ich ja Metrologie (oder war es Meteorologie?) studiert habe, weiß ich natürlich auch was das ist. Irgendwas mit Regen, soweit sich mein Oberstübchen noch daran erinnert.
Auf jeden Fall sind die Leibertinger bereits um 8 Uhr am Aushallen.
8:30 Uhr erster Start der Leibertinger.

Da ich noch am Frühstückstisch sitze, geht bei den Hallern natürlich mal wieder nix. Ohne meine strategische Koordination bekommen sie nicht mal den Twin an den Start. Da sieht man mal wieder, wie wichtig ich für die Gruppe bin. Ohne mich läuft halt gar nix.

Also raus und den Jungs mal eingetrichtert, was sie zu tun haben.

Dann läuft's und die ersten Starts gehen raus.
Nachdem Ralf am Tag zuvor durch Armdrücken die Reihenfolge der Starter für sich entschieden hat, bin ich nur die Nummer zwei.
Eigentlich könnte ich ja schon lange alleine mit der 19 an die Winde. Versuche das Klaus auch schon seit Tagen näher zu bringen.
Aber irgendwie ist der mal wieder beratungsresistent.
Also, nochmal einen Doppelsitzig. Peng Seilrissübung, und eeeennnndlich ist der Klaus auch damit zufrieden, wie ich reagiere.
Nächster Start dann alleine mit dem Twin an der Winde.
Leider kommt da der Regen schon an und im letzten Moment springt mir der Klaus wieder hinten rein. Hab' ihn wohl ein bisschen verunsichert.
Klaus: "traust du dir das zu?"
Felitsche: "ja"
Feltische: "aber was mache ich eigentlich bei Regen?"
Klaus: "etwas Überfahrt um höheres Gewicht und schlechteres Profil zu kompensieren, verstanden?"
Felitsche: "ja"
Felitsche: "aber was mache ich eigentlich bei Regen?"
...
Eigentlich ein üblicher Dialog zwischen mir und meinen Fluglehrern. Keine Ahnung, warum er dann wieder hinten einsteigt. Nachdem der Regen dann doch heftig wurde, und mir zudem noch die LH im Endteil "überraschenderweise" vor der Nase rumflog, war ich aber letztlich darüber dann doch ganz froh.

Die Leibertinger haben bei der schnellen Aktion morgens noch einen ersten Alleinstarter durchgebracht, und nachdem wir das ganze Material eingehallt haben beginnt DAS RITUAL.
Jochen hält eine seiner weltberühmten Ansprachen zum ersten Alleinflug von Moritz (Leibertinger) und schließt mit den Worten "bleib so wie du bist, aber red' ein bisschen weniger". Mein Unterbewusstsein sagt mir, dass so manch ein Haller dabei an mich denkt.
Na ja, aber die Leibertinger haben hier ein paar Flugschüler-Granaten, wogegen ich ein Engelchen mit großen Flügeln bin.
Auf jeden Fall bekommt der Moritz noch den Hosenboden genässt (damit es erst schön kühlt und danach richtig "fitzt" wenn die Hände darauf klatschen), und die Runde beginnt. Ich denke, er verflucht diesen Moment noch eine Weile. Ein Fluglager, ein Eigenstarter-Wettbewerb und die Leibertinger bringen einfach mächtig viele Leute an den Start.

AlternativprogrammNun ist der Tag noch nicht mal richtig angebrochen, der Regen hat die Flugaktivitäten beendet, das Ritual ist vollbracht, und wir wissen nicht so richtig, was wir mit uns anfangen sollen. Also machen wir, was wir am besten können: über Alternativprogramm diskutieren. Das machen wir so gut und so lange, bis die Sonne wieder scheint.
Gott sei dank, denn der Klaus hat mal wieder "Theorie" auf's Parkett gebracht. Und solche Irre wie mein Namensvetter mit dem W hinten dran hätten dem auch noch zugestimmt...
Aber das Wetter hellt eben wieder auf. Also, wir wieder mit dem ganzen Gerödel raus aus der Halle.
Ich dann meinen ersten Windenstart alleine. Inzwischen 15 - 20 km/h Seitenwind, was mir überraschenderweise kleinere Probleme bereitet. Die Verbesserungsquote für den zweiten Alleinstart an der Winde: 1 von 3. D.h. von drei angesprochenen Problemen habe ich immerhin eines ausgemerzt. Nicht schlecht für einen Checker wie mich, odr?!

Nach sechs Starts kommt dann die tatsächliche Front aus Südwest.
Dunkel und bedrohlich.
Und schnell.
Also wieder alles in die Halle, und das Schauspiel beginnt:
Die Camper unter uns versuchen zu retten was zu retten ist:
Roland beschwert mit vollem Körpergewicht sein Zelt. Nicht, dass die UNESCO nur noch Stofffetzen zum Weltwunder erklären kann.
Die Böenwalze rollt über den Campingplatz und starke Regenschauer durchnässen so ziemlich alles.
Genau in diesem Moment fällt mir ein, dass ich ja eine Jacke aus dem Zelt holen könnte. Also, hin zum Zelt, Zelt auf, Jacke raus und draußen versuchen die Jacke anzuziehen...
Ja, jeder der sich das mal bildlich vorstellt und meint, das ist keine besonders gute Idee, dem gebe ich Recht: bei einem Regenguß mit 100 l Wasser pro Sekunde, die vom Himmel fallen, ist das eher in der Rubrik "ich belustige die Meute, die auf dem Balkon steht und mich filmenderweise beobachtet" einzuordnen.

Nun ist wirklich Alternativprogramm angesagt und das heißt erst mal essen, Flüssigkeitszufuhr, und Wetterberichte abfragen. Letzteres überrascht, da plötzlich für den Folgetag nicht mehr eine "schleifend liegend bleibende Front" vorhergesagt wird, sonder wieder fliegbares Wetter.

So streichen wir das Alternativprogramm für Abends und widmen uns doch noch ein bisschen der Theorie:
Mein Namensvetter mit dem W am Ende erklärt Instrumente und Düsen und deren Fehler und was weiß ich denn nicht noch alles. Schließlich schreibe ICH ja bald die Theorieprüfung und weiß ja Bescheid. Widme mich daher während des Vortrags ausgiebig meinem Laptop und versuche mir sporadisch zugeworfene Fragen zu ergoogeln. Zu "VNE" (die zulässige Höchstgeschwindigkeit eines Luftfahrzeugs unter Standartbedingungen; Never exceed speed; Anm. der Redaktion) z.B. kommt "venezulanische Fluggesellschaft Venezolana" mit Wikipedia als Quelle. Und da Wikipedia immer recht hat, gebe ich die Lösung auch zum Besten. Die Reaktion darauf könnt ihr euch erahnen. Und somit beschließe ich, mir so viel Toast in den Mund zu schieben, dass ich jede weitere Frage nur noch mit "hgmppf" beantworten kann, und mein Fluglehrer resigniert aufgibt.

Die Theorieprüfung kann kommen!


Euer
Felitsche