Wir verleihen Flügel
Segelfliegerclub Schwäbisch Hall e.V.

www.sfc-hall.de

Geschrieben von: Aurel Butz   
Samstag, den 30. September 2006 um 01:00 Uhr

"Ich bin geflogen um zu überleben"

SEGELFLIEGEN / Der 83-jährige Hans Werner Grosse legt in Hall Zwischenstopp ein und erzählt aus seinem Leben

Erst ersegelte er sich Rekorde am laufenden Band, dann setzte er mit der Entwicklung eines Hochleistungssegelflugzeugs noch einen oben drauf: Segelflugpionier Hans Werner Grosse gab bei seiner Zwischenlandung in Schwäbisch Hall Einblicke in sein Fliegerleben.

Sommer, Sonne – Regenwetter: Der launische August machte nicht nur den Piloten des Haller Segelfliegerclubs (SFC) während ihres Fluglagers einen Strich durch die Rechnung, sondern auch Hans Werner Grosse. Der 83-Jährige aus Lübeck wollte mit seiner Frau Karin zum Wanderurlaub in die Schweiz fliegen, musste in Hall aber mit seinem einmotorigen Flugzeug einen Zwischenstopp einlegen. Der Grund: zu schlechte Sichtflugverhältnisse. Für den passionierten Segelflieger aber kein Hinternis, um nicht spontan zum Schlechtwetter-Fluglager-Programm des SFC seinen Beitrag zu leisten.

Ja, Hans Werner Grosse könnte Stunden zubringen, wenn er aus seinem packenden Fliegerleben erzählt. Etwa von den Anfängen mit Gummiseilstart, im offenen Schulgleiter dem Fahrtwind ausgesetzt – "da flogen einem die Zahnplomben raus. Und auch wenn alle behaupten, dass das noch die richtige Fliegerei war, ich kann nur sagen: Ein Scheiß war das...". Den Krieg sieht Grosse, noch nicht 20 Jahre alt und schon im Cockpit eines Kampfbombers eingesetzt, ernüchternd und kritisch: "Helden gibt's meistens nur in Büchern. Damals bin ich geflogen, um zu überleben." Die meisten seiner Kameraden, die mit ihm angefangen hatten, schafften das nicht. Doch die Höhenflüge seiner Karriere vergisst Grosse umso weniger. Klar, wer so "fliegervernarrt und rücksichtslos" wie er damals gewesen sei ("Wohnung und Familie können warten, der Flieger nicht!"), für den verschwimmen die Grenzen. Vor 50 Jahren ließ er die Leute erstaunen, wie er im Segelflugzeug 300 Kilometer zurücklegte. Der große Coup gelang Hans Werner Grosse im Jahr 1972: 1460 Kilometer von Lübeck nach Biarritz im Segelflug. Das war Weltrekord. Neue Grenzerfahrungen für Grosse: "Da bist du am Atlantik, mehr als 1200 Kilometer geflogen, und der Tag ist immer noch nicht zu Ende." Als seine französische Landkarte aufhörte, beschloss er nichtsdestotrotz zu landen: "Jetzt ziehst du die Klappen und schmeißt deine Höhe weg – das ist, als ob man als Krösus Geld unter die Leute wirft."

Heute ist der Fliegernarr was die Weltrekordfliegerei betrifft, weitgehend zurückhaltend geworden. Dennoch zeichnet er als Hauptinitiator für das weltbeste Segelflugzeug verantwortlich – die Eta. Zwar behauptet er von sich, zwei linke Hände zu haben ("meine Frau verbietet mir, irgendetwas zu Hause oder im Garten zu machen – ich würde ja alles kaputt machen"), doch damit fuhr beziehungsweise flog Hans Werner Grosse ganz gut. Mit diesem Hochleistungssegelflugzeug lässt sich aus einem Kilometer Höhe bis zu 70 Kilometer weit gleiten, die Spannweite ist mit 31 Metern doppelt so groß wie die von gewöhnlichen Segelflugzeugen und selbst größer als die einer Boeing 737. Sechs Stück des hochgezüchteten Seglers wurden bislang gebaut, Preis jeweils 500.000 Euro. Eine Eta nennt Grosse sein eigen und hat mit ihr schon 1200 Flugstunden auf dem Buckel.

Wie er so dasteht, blauer Pulli, Jeans und aus seinem Leben erzählt, merkt man ihm schnell an, dass er trotz seines Alters nicht zurückstecken wird. Doch, eine Sache wäre da zu erwähnen: wenn er wie jetzt in den Wanderurlaub mit seiner Motormaschine unterwegs ist, gilt im Cockpit Arbeitsteilung. "Meine Frau liest dann die Checkliste vor und ich muss brav alle Punkte zurücklesen", sagt er mit einem verschmitzten Grinsen.

Hans Werner Grosse
Die Haller Segelflieger sind ganz Ohr: Mit Hans Werner Grosse landete diese Woche der Grandseigneur des deutschen Segelflugsports in Hessental. Als der 83-Jährige von seinen Rekord-Streckenflügen und Erlebnissen eines langen Lebens erzählte, hielt er auch die Jüngeren in seinem Bann.

Haller Tagblatt vom September 2006