Wir verleihen Flügel
Segelfliegerclub Schwäbisch Hall e.V.

www.sfc-hall.de

Geschrieben von: Stefan Bohn   
Freitag, den 31. August 2007 um 01:00 Uhr

Jugend Special-Autorin Stefanie Salm wagte gemeinsam mit Uli Bayersdorfer vom Haller Segelflieger-Club einen Segelflug über Schwäbisch Hall

Wie bei einer Achterbahnfahrt

Immer schneller rollen wir über den Rasen, dann heben wir ab. Mein Adrenalinspiegel steigt. Auf etwa 600 Metern Höhe klinkt sich Uli Bayersdorfer aus. Für einen kurzen Augenblick fühle ich mich wie schwerelos. Wir drehen ein paar Kreise, um an Höhe zu gewinnen. Es fährt mir in den Bauch wie bei einer Achterbahnfahrt. Ich höre nichts außer dem Rauschen des Windes. Die Aussicht ist herrlich. Ich fliege.

Hoch hinaus in die Lüfte - ein alter Menschheitstraum. In der griechischen Mythologie sind es Dädalus und Ikarus, die mit selbst gebauten Flügeln in Richtung Sonne fliegen. Auch ich stelle es mir großartig vor, abzuheben und die Welt von oben zu betrachten. Deshalb habe ich dem Segelflieger-Club (SFC) Schwäbisch Hall einen Besuch abgestattet - in der Hoffnung, meinem Traum näher zu kommen.

Uli Bayersdorfer ist seit einigen Jahren leidenschaftlicher Flieger. Er hat nichts dagegen, mich bei einem seiner Flüge mitzunehmen. Treffpunkt: Vereinsheim am Flugplatz in Hessental. Unzählige Urkunden zieren dort die Wände. Beeindruckend: Eine stammt vom Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde. Im Jahre 1931 erklärt man Hans Klenk mit gerade einmal elf Jahren zum jüngsten Segelflieger der Welt.

Von oben wie Spielzeug

Wie mag Hans Klenk Schwäbisch Hall wohl vor 76 Jahren aus der Luft gesehen haben? Baulich hat sich seitdem einiges verändert. Und obwohl ich ganz genau weiß, wie die Stadt heute aussieht, habe ich später in der Luft Schwierigkeiten, mich zurecht zu finden. Die Häuser und die Autos auf den Straßen sehen aus wie Spielzeug. Uli hilft: Ein guter Orientierungspunkt sei die Kochertalbrücke. In weiter Ferne erkenne ich sogar die Zeugenberge der Schwäbischen Alb.

Die Vereinshütte füllt sich nach und nach. Es sind auch einige Jugendliche dabei, zum Beispiel Matthias Eitmann (19) und Marco Stecker (17). Beide fliegen seit ihrem 14. Lebensjahr. Anders als beim Auto darf man beim Segelfliegen bereits mit 14 die rund 1500 Euro teure Ausbildung beginnen. "Sie dauert in der Regel zwei Jahre", erzählt Matthias. Man könne es aber auch schneller schaffen. Die Prüfung darf man aber erst mit 16 ablegen. "Und dann kann man eigentlich fast überall hinfliegen", sagt Marco. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg: Die angehenden Piloten müssen sich in sieben Fächer einarbeiten, darunter Meteorologie, Navigation, Luftrecht und Aerodynamik. "Ein bisschen Verständnis für Technik sollte man schon mitbringen", weiß Matthias. Bei der praktischen Prüfung müssen die angehenden Segelflieger Flugmanöver fliegen und eine festgelegte Zahl von Starts und Landungen absolvieren. "Das Schwierigste war für mich die Landung", erzählt Marco.

Doch der Aufwand lohne sich. Beim ersten Flug habe man ein "geniales Gefühl", sagt der 17-Jährige. Matthias kann da nur zustimmen. "Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Man sitzt da drin, schwebt in der Luft und der Segelflieger reagiert darauf, wie man den Steuerknüppel bewegt." Das Fliegen stünde bei den beiden über allem. Und mit anderen Hobbys könne man es überhaupt nicht vergleichen: "Fußball oder Tischtennis spielt doch jeder." Wenn das Wetter passt, sind die beiden jedes Wochenende am Start - auch, weil man binnen zwei Jahren mindestens 25 Starts vorweisen muss, damit der Flugschein seine Gültigkeit behält.

Die Thermik lässt nach

Noch immer gleiten Uli Bayersdorfer und ich hoch oben über den Dächern von Schwäbisch Hall. Direkt unter uns kann ich die Straße entdecken, in der ich wohne. Doch genau hier lässt die Thermik, die für den Segelflug so wichtig ist, nach. Der Flieger verliert an Höhe. Mit meiner Kamera kann ich aber schnell ein paar Fotos schießen. Dann steuert Uli in Richtung Flugplatz. Die Landung verläuft ebenso harmonisch wie der gesamte 30-minütige Flug. Segelfliegen ist ein Gefühl, das der Bodenständige gar nicht kennen kann. Ich würde sofort wieder fliegen. . .

Marco und Matthias haben keine Angst vor Notlandungen. "Am Anfang war es schon komisch. Das sollte man aber schnell verdrängen, sonst macht das Fliegen keinen Spaß". Rein statistisch sei das Segelfliegen sicherer als Auto- oder Motorradfahren.

Außerdem tragen Segelflieger während des Flugs einen Fallschirm. Im Notfall können die Piloten die Haube am Segelflieger öffnen und abspringen.

An den Ernstfall denkt aber kaum jemand. Im Gegenteil: Am Flugplatz herrscht fröhliche, gesellige Stimmung. Der Teamgedanke steht ganz oben, auch wenn alleine geflogen wird. Das ist wichtig: Ohne Unterstützung kommt ein Segelflieger nicht in die Luft. Allein schon deshalb, weil Segelflugzeuge keinen Motor haben. Sie müssen von anderen Flugzeug erst in die Luft gezogen werden. Nach dem Aushaken gehts dann aber alleine weiter.

Der SFC hat neben den Segelflugzeugen auch drei Motorsegler. Diese haben den Vorteil, dass sie nicht von der Thermik abhängig sind und weitere Strecken zurücklegen können. Alle Flugzeuge sind mit Planen abgedeckt, um den Lack vor Schmutz und die Haube, die aus empfindlichem Plexiglas besteht, vor Steinschlägen zu schützen. Um die Flugzeuge auf die Startbahn zu transportiert, werden die Segelflieger an einen Traktor eingehakt und langsam auf die Startbahn gebracht. Da die Flügelspannweite 17,5 Meter beträgt, läuft zur Sicherheit auf jeder Seite jemand mit.

Steuerung und Ausstattung sind ähnlich wie bei einem Motorflugzeug: ein Steuerknüppel für die Bedienung des Querruders und der Höhenruder, Pedale für die Seitenruder, ein Höhenmesser, ein Wende- und Querneigungsanzeiger, ein Kompass und ein elektrischer Variometer für die Messung von Höhenänderungen. Dieser piept, wenn man an Höhe gewinnt. Verliert man an Höhe, ist der Piepton tiefer. Das Segelflugzeug ist außerdem mit einem High-Tech-Warnsystem ausgestattet, das dem Piloten frühzeitig meldet, wenn andere Segler im Umkreis fliegen.

Freude hält nur kurz

Uli Bayersdorfer möchte mit einem anderen Segelflieger eine Formation versuchen. Glück gehabt: Ich darf wieder mit. Der Pilot schnallt mich auf dem Rücksitz an und weist mich nochmals darauf hin, wo im schlimmsten Fall die Spucktüte zu finden ist. Angst habe ich jetzt keine mehr.

Die Freude über den zweiten Flug hält aber nur kurz. Die Thermik lässt uns im Stich. Nach 15 Minuten haben wir so viel an Höhe verloren, dass wir zurück zum Flugplatz müssen. Genauso sanft wie beim ersten Mal landen wir auf der Piste. Neben dem wundervollen Ausblick bleibt mir eine Erkenntnis: Segelfliegen ist ein spannendes Hobby.

Blauäugig darf man aber nicht sein. "Man muss das Wetter abschätzen können, sich mit der Natur auseinander setzen und sie verstehen", weiß Uli. Nahezu schwerelos - der Sonne entgegen, frei wie ein Vogel: das also ist Segelfliegen!

Stefanie Salm

Haller Tagblatt vom August 2007