Wir verleihen Flügel
Segelfliegerclub Schwäbisch Hall e.V.

www.sfc-hall.de

Die perfekte Welle

Seltenes Erlebnis für zwei Haller Segelflieger: Eine Extremwind-Wetterlage ermöglicht Flüge über dem Kochertal bis auf eine Höhe von 3000 Metern

Die beiden Haller Bundesliga-Piloten Markus Schieber und Sven Mayer sind auch nach einer Woche noch ganz begeistert von ihrem Wellenflug, der sie auf eine Höhe von 3000 Metern über dem Kochertal brachte. „Das war spektakulär ...

... ich hätte nie an eine solche Kraft gedacht. Erst der turbulente Rotor, der einem nur so Schläge versetzt, dann ein ruhiges und konstantes Steigen. Und dann einfach die Optik: So hoch über denWolken und das alles ohne Motor!“, schwärmt Sven Mayer.

Ohne Motor 2600 Meter über dem Kochertal: Nur bei extremer Westwind-Wetterlage sind solche Leewellen-Segelflüge hierzulande möglich.

Hinter dem „Rotor“ geht es kilometerweit nach oben

Surfer kennen dieses Gefühl nur zu gut: Das Board unter den Armgeklemmt, aber die Wellen – viel zu klein brechen sie, da ist einfach nichts zu reißen. Auch der Haller Segelflieger Markus Schieber wartete lange auf eine fliegbare Leewelle.

Dieses Phänomen entsteht bei stabiler Luftschichtung – also wenn keine Thermik vorhanden ist – und der Wind in der Höhe stark zunimmt. Dann geraten die Luftmassen auf der windabgewandten Seite (Lee) eines Berges ins Schwingen, aufsteigende Luftmassen bilden einen turbulenten „Rotor“.Gelangt einen Segelflieger in diese Zone, hat er es fast geschafft: durch die „Föhnlücke“ kann er gleichmäßig vor den Wolken hochsteigen und sogar noch Kilometer darüber hinaus. Dass ein Segelflieger in der Hohenloher Ebene auf eine Welle wartet ist in etwa so ungewöhnlich wie Surfer, die am Starkholzbacher See auf einen Riesen-Brecher warten.

Markus Schieber hat Wellenflug-Erfahrung in den Alpen gesammelt, dort sind sie keine Seltenheit. Seit Anfang des Monats hatte er die Windvorhersage für das erste Februarwochenende besonders im Blick – und wurde nicht enttäuscht: Am Einkorn pfiff der Westwind am Samstag mit 45 Kilometern pro Stunde, über Weckrieden fand Schieber Anschluss an den Rotor, den er schon vom Boden aus an den Wolkenwalzen erkannt hatte und gab über Funk die Infos an Sven Mayer weiter, um diese Welle gemeinsam zu reiten.

„Ich warte schon seit über zehn Jahren auf so eine Wetterlage“

Wellen-Segelflüge kennt Markus Schieber von Flügen in den Alpen: „Ich warte schon seit über zehn Jahren auf eineWetterlage, die dasWellenfliegen in Hall ermöglicht. Es gibt zwar häufig fliegbare Tage mit Hangwind, aber selten in Verbindung mit einer stabilen Luftschichtung, damit eine Leewelle entsteht. Die Windrichtung am Boden muss stimmen und die Windstärke in der Höhe stark zunehmen.“

Ausgelöst wurde die Leewelle vom Osthang des Kochertals, sie erstreckte sich über den Bereich zwischen Hall, Untermünkheim und Waldenburg. Und genau wie Surfer erst durch eine tückische Brandung paddeln müssen, mussten sich die beiden Piloten zunächst durch den turbulenten Rotor kämpfen, bis das ruhige Steigen begann. „Im Rotor musst du den Flieger hundertprozentig aus dem Effeff beherrschen, von einer Sekunde auf die andere wird aus fünf Meter Steigen pro Sekunde plötzlich Sinken. Da reagieren dann teilweise auch mal kurz keine Ruder mehr“, erzählt Mayer.

„Als ich ab einer Höhe von 800 Metern über Grund – das war die Wolkenuntergrenze – in der Welle war, flog ich im absolut ruhigen Aufwindbereich mit konstantem Steigen“, berichtet Schieber. Die beiden Piloten richteten ihre Segelflugzeuge gegen den Westwind aus, der in dieser Höhe mit 85 Stundenkilometern so stark war, dass die Flugzeuge quasi über Grund „standen“.

Während normalerweise spätestens ab der Wolkengrenze Schluss für die Segelflieger ist – darüber gibt es keine nutzbare Thermik mehr –, schraubten sich die beiden Haller in der Welle auf 3000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel, gut 2600 Meter über Grund. „Die Welle hätte uns noch höher getragen“, sagt Schieber. Aber dafür sei eine Freigabe der Flugsicherung nötig gewesen, denn dieser obere Luftraum ist für Verkehrsflugzeuge vorgesehen, die nach Instrumenten fliegen.

Segelflieger dürfen nicht „blind“ durch die Wolken fliegen

Segelfliegen auf dieser Höhe ist nicht ohne, ständig muss man die Wolken tief unter einem im Auge behalten: „Die Wolkendecke schließt sich schneller als die Welle verschwindet, dann hat man ein Problem: Wir Segelflieger dürfen nicht durch die Wolken fliegen, uns fehlt dazu die Blindflugausrüstung“, erklärt Sven Mayer. Was mit Sauerstoff, umab 4000 Metern der Höhenkrankheit vorzubeugen, und noch mehr warmer Kleidung – schließlich hatte es auf 3000 Metern Temperaturen um den Gefrierpunkt – drin gewesen wäre, bewiesen an jenem Tag zwei Mannheimer Segelflugpiloten: Sie kletterten mit Freigabe der Flugsicherung in einerWelle im Lee des Pfälzer Walds auf 7000 Meter über dem Meer.

Sven Mayer fliegt für den Segelfliegerclub Schwäbisch Hall (SFC) in der Zweiten Bundesliga und nimmt auch an Wettbewerben teil. Doch sein erster Wellenflug katapultierte den 20-Jährigen Haller in neue Dimensionen: „Das Fliegen im Rotor war ein echter Kampf. Aber als ich den gewonnen habe, danach in derWelle, da fühlt man sich einfach wie im Himmel. Das ist wirklich unbeschreiblich.“

Aurel Butz, Haller Tagblatt vom 19. Februar 2011