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Segelfliegerclub Schwäbisch Hall e.V.

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Segelfliegen / Als 16-Jährige zum ersten Mal solo im Segelflugzeug-Cockpit

„Da oben bist du der Boss“

Der Traum vom Pilotenberuf kann es ganz schön in sich haben: Klar, fliegen sollte man natürlich können. Also den 400 Kilogramm schweren und bis zu 250 km/h schnellen Kunststoff-Vogel sicher in die Luft und wieder zurück auf den Boden zu bringen – mal locker durchstarten ist nicht drin, beim Segelfliegen gibt es keinen zweiten Versuch, alles muss beim ersten Mal sitzen. Und dann die ganzen Bräuche, ...

... wenn man gerade vom ersten Alleinflug gelandet und erleichtert, aber vollgepumpt mit Endorphinen die Cockpithaube aufklappt: erst der Blumenstrauß, gespickt mit jeder Menge Disteln und Brennnesseln. Und am Abend dann noch von den anderen netten Segelfliegern den Hintern versohlt bekommen – damit man als Segelflugpilot noch sensibler auf die Thermik reagieren kann, die einem aus dem Sitz hebt.

Die 16-Jährige blieb ganz cool

Da gilt auch für Mädels kein Pardon – und trotzdem steckte die 16-jährige Helen Wiesinger aus Oberrot ihren Alleinflug am Sonntag ganz locker weg: „Das ganze Feeling – einfach zu wissen: Ich bin der Boss, ich kann’s. Das ist einfach geil.“ Kein Fluglehrer mehr, der vom hinteren Sitz aus in die Steuerung eingreift, stattdessen musste die Flugschülerin selbst entscheiden: Wann klinke ich das Schleppseil aus, wie teile ich mir die verbliebene Höhe genau zur Landung ein, damit alles passt? Helen blieb ganz cool – obwohl: „Am Anfang, da war mir schon echt übel. Und dann der heftige Wind. Hat sich aber ganz schnell gelegt, nachdem es kerzengerade hinter dem Schleppflugzeug herging. Das hat perfekt gepasst.“

Denn um mit dem Segelflugzeug in die Luft zu kommen, geht’s am Schleppseil immer der Motormaschine hinterher – fliegt die eine Kurve, muss der Segelflugzeugpilot seinen Flieger ebenfalls in die Kurve legen. Aber nicht zu steil, nicht zu tief, nicht zu schnell – sondern genau richtig. Wenn dann noch Thermik und der Wind am Flugzeug rütteln, kann das extrem viel Hand- und Beinarbeit bedeuten.

Traumberuf Pilot

Das eigentliche Segelfliegen beginnt ab dem Moment des Ausklinkens. Berufspiloten würden jetzt zum Mikro greifen und die Passagier-Durchsage zum Erreichen der Reiseflughöhe nuscheln, bei Helen – Traumberuf immer noch Pilot – waren’s die Sportfreunde Stiller: „Einen einzigen Song kann ich auswendig, und das ist ,54, 74, 90 …’ – und den habe ich dann lautstark gesungen.“ Vielleicht gar nicht so schlecht, dass man als Fluglehrer am Boden – den Flugschüler im Blick und die Hand für eventuelle Instruktionen an den Flugschüler am Funkgerät – gar nicht alle Details mitbekommt.

Und nach ihren drei Alleinflügen musste Helen selbst erst einmal wieder runterkommen. „Verrückt, die ich hatte die Nacht kaum geschlafen, morgens mal in den Segelflugwetterbericht geschaut, kaum brauchbare Thermik – ich hatte nicht mal Bock, auf den Flugplatz zu gehen“, gestand Helen. Erst ihr Bruder Felix – der 18-Jährige ist auch im Haller Segelfliegerclub – feuerte sie an. „Und ehrlich gesagt: Ich habe ja selbst nicht geglaubt, dass ich schon so nahe vor dem Alleinflug stand.“ Vor einem Jahr startete die 16-Jährige mit dem Segelfliegen – und der Entschluss steht fest, dass sie die Finger noch lange nicht vom Fliegen lassen wird: Ganz egal, wie der Distelstrauch noch piekst und der Hintern wehtut …